Handarbeit hat ihren Preis, nur warum?

Ich nehme euch mit auf eine kleine Reise, ein Rückblick:

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Stolz trage ich meine neue wirklich tolle Handtasche, 6 Stunden habe ich zugeschnitten, genäht und gebügelt. Ich bin zufrieden und glücklich.

„Was für eine tolle Tasche sagt eine Freundin, hast du die auch selbst genäht?“

Ich bestätige dieses.

„Nähst du mir auch eine, ich bezahle sie auch“

Ich muss lächeln, wie oft hörte ich dieses bereits, da ich nicht mal eben einen Preis nenne frage ich:

„Ja natürlich, diese Art der Tasche hat einen entsprechenden Preis!   Was würdest du denn zahlen wollen?“

„Mhh, es ist ja Handarbeit und ein Unikat sagen wir 50 €“

Ich muss wieder lächeln.

„Das wird nicht reichen bei weitem nicht“

Ich sehe in große Überraschte und erschrockene Augen und fange an zu erklären:

 

Materialkosten für eine Handtasche sind …

 der Stoff

Collage_Schubladen_Stoffe

Außenstoffe ggf. beschichtet,
Innenstoffe,
Dekostoffe für besondere Highlights etc.
 Zusätzliche Materialien
die offensichtlich sindCollage_Schubladen_Kleinkram
Reisverschlüsse:
1 langer für das Hauptfach, 1 für ein Innenfach

Gurtband:
für die Trageriemen

Verzierungen:
Paspeln, Schrägbänder etc.

 „versteckte“
notwendige Materialien
Vlies:
Volumenvlies, Vliesline etc.

Verpackungsmaterial:
Kartons, Klebeband etc.

Wäre ja schön, wenn es das schon gewesen wäre, leider kommen aber noch folgende Kosten hinzu…

 Lohnkosten, Nebenkosten und mehr…

ArbeitszeitHerstellungszeit (Schnittmustervorbereitung, Zuschneiden, Nähzeit), Verkauf (also die Zeit auf Märkten) Versandvorbereitung, Kundenkommunikation, Kontokontrolle, Materialsuche und -einkauf, Buchhaltung, 
NebenkostenMaschinen:
Nähmaschine, Overlock

Versicherung, Beiträge:
Berufshaftpflicht, HWK, IHK etc.

Gebühren:
Shop, PayPal, 

Verpackungspauschale:
jeder Verkäufer der Ware verschickt muss für deren Entsorgung zahlen

„versteckte“ Kosten

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Werbung:
Digitale Werbung, Printwerbung, Flyers, Visitenkarten 

Risikoaufschlag:
Reklamationen, Versandprobleme, Nähfehler, Materialprobleme

Arbeitsmaterialien:
Computer, Drucker, Büromaterialien

Gewinn:
ja natürlich möchte ich auch etwas verdienen

besticken und beplottenStickwagenBesticken:
Maschine, Stickgarn, Stickvlies, Zeit, Zubehör

Plotten:
Plotter, Folie, Zeit, Zubehör 

für beides werden Dateien benötigt

… und dann, dann haben wir fast den tatsächlichen Preis 🙂

Nun könnt ihr überschlagen, hier mal nur ein paar Beispielpreise:

Stoff: 1,00m Länge X 1,40m-1,60m Breite kostet zwischen 10 – 20 €,

Vlies: 0,90m X 1,00m kostet zwischen 7 – 10 €

Reisverschluss: je nach Größe zwischen 2 – 5 €

Gurtband: 3m ca. 3,50 – 5,00 €

Paspel: 1m ca. 1,10 – 3,00 €

Schrägband: 1m ca. 1,10 – 3,00 €

Zeitaufwand: zwischen 2 und 6 Stunden

Fazit:

Ich hoffe nun ist ein wenig nachvollziehbarer, wie sich der Preis für genähte Unikate zusammensetzt.

Es ist keine automatisierte Massenproduktion, sondern individuelle Handarbeit.

Selbst wenn man nicht reich werden möchte, 

sondern Kostendeckend mit kleinem Gewinn arbeitet,

ist ein Preis wie bei großen Modehäusern einfach nicht machbar.

Es ist aber auch immer ein besonderes Werk, in das viel Liebe gesteckt wurde.

Qualität und Sorgfalt hat oberstes Gebot.

Kombiniert mit den vielen Möglichkeiten der Individualität,

ob Farbe, Muster, Material, bestickt, beplottet oder kleine Extras.

Gerade bei Kinderkleidung, zum Beispiel ist es auch die Lebensdauer die überzeugt.

Es gibt viele Möglichkeiten, Kleidung so zu nähen das sie länger, für mehrere Größen passt.

Insgesamt überwiegen für mich die positiven Aspekte, ich nähe mir (und euch) tolle Werke,

ohne mir Gedanken um die Herkunft machen zu müssen und genauso wie ich sie haben möchte.

(Mehr zum Thema Herkunft von Kleidung und die damit verbundenen Probleme findet ihr hier.)

Hat euch der Beitrag gefallen, dann teilt ihn gerne.

Habt ihr Fragen oder Anregungen dann kommentiert unten.

Zum 2. Teil geht es hier entlang.

Viele Grüße eure Nicole

4 Gedanken zu „Handarbeit hat ihren Preis, nur warum?

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Das ist wohl ein Problem, das viele Kreative kennen. Besonders auch durch die Massenproduktion, die die Menschen in sogenannten Billiglohnländern ausnutzt, ist uns hierzulande leider das Gefühl für den wirklichen Wert von Dingen abhangen gekommen und damit die Wertschätzung von (Hand-)Arbeit… Liebe Grüße
    Sybille

    1. Hallo Sybille,

      ja leider es wird so viel gekauft, weil man es kann, ohne das es wirklich benötigt wird.

      Mit Projekten wie #Thisisnotok oder #2015ohneshoppen / #2016ohneshoppen versuchen einige genau darauf aufmerksam zumachen.

      Wenn sich jeder vor dem Kauf eines 2€ T-Shirt fragt ob er das wirklich braucht haben wir viel erreicht.

      Lieben Gruß
      Nicole

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